Axel Marquardt lädt ein:


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und zwar Geschichten aus dem vergriffenen "Betriebsdichter" von 1992, wieder zu finden in

Was bisher geschah.
Alle Mach-, Lach- und Meisterwerke

Heute den 2. Teil von:


BLAUE STUNDE



Das mit Länge und Umfang, hob der Mann nach einer kleinen Pause wieder an, ist nicht das Wesentliche.
Das glaube ich auch, sagte sie nachdenklich, es kommt sehr auf die Lie-beskunst an.
Davon verstehe ich eine Menge, sagte der Mann. Ich
glaube, ich kriege das ganze Stück nicht auf. Wollen Sie? Er schob ihr den Teller zu.
Nein danke, sagte sie, ich bin pappsatt. Und wie zum Beweis tat sie einen kleinen Rülpser. Pardon, sagte sie, aber es tat gut.
Macht nichts, sagte er galant. Wissen Sie, ich finde, dass sich die Missionarsstel-lung überlebt hat. Wie geht denn die? fragte sie neugierig.
Ersparen Sie mir bitte die Einzelheiten, sagte er. Erschien sich etwas zu ge-nieren. Nur soviel: Die Dame unten, der Herr auf ihr.
Ja ja, sagte sie, das ist langweilig, aber nennen Sie mir doch Ihre verwegenste Position. Nur so als Beispiel, damit ich mir ein Bild machen kann.
Er druckste ein wenig herum; dann sagte er: Nun ja, eeh, wenn ich ehrlich sein soll, dann ist es die, die dasKamasutra als Elefant-Kuh-Stellung bezeichnet.
Sie stiess fast pfeifend Luft zwischen den Zähnen hervor: Elefant-Kuh, sagte sie anerkennend, wie geht denn das?
Sehen Sie her, sagte er und rückte eine Serviette zurecht. Dann griff er in die Brusttasche. Shit, sagte er, ich muss meinen Kugelschreiber -
Lassen Sie nur, fiel sie ihm ins Wort, nehmen Sie meinen, er ist aus Platin. Sie dürfen ihn meinetwegenbehalten. Ich hänge nicht so daran.
Also, sagte er, Elefant-Kuh, das geht so, und er zeichnete mit raschen Strichen auf der Serviette herum. So, sagte er mit leichtem Triumph in der Stimme und sah sie verwegen an, als er die Skizze vollendet hatte. Sie aber schien enttäuscht: Ach so, sagte sie, das ist die Elefant-Kuh-Stellung. Dieter hatte dafür aber einen an-deren Namen, an den ich mich leider nicht erinnern kann.
Dieter ist? fragte er ernüchtert.
Mein erster Mann, sagte sie, ein toller Mann. Und so gebildet. Er war Doz-ent. Hier an der Kunstgewerbeschule.
Nun, gebildet bin ich auch, sagte er trotzig. Und dann fragte er unvermittelt: Wissen Sie z. B., was eine Quisquilie ist?
Eine was?
Quisquilie!
Buchstabieren Sie mal.
Q-U-I-S-Q-U-I-L-I-E!

Warten Sie, das muss ich mir aufschreiben.
Sie nahm wieder die Serviette. Können Sie mir eben Ihren Kugelschreiber lei-hen?
Bitte, sagte er, Q-U-I-S-Q-U-I-L-I-E!
Nicht so schnell, noch mal, langsam.
Q- U - I - S - Q - U - 1 - L - I - E.
Kuwiskuwilie, las sie langsam. Quisquilie, korrigierte er sanft.
Quisquilie, sagte sie. Nein. Weiß ich nicht. Was ist es denn?
Eine Kleinigkeit, sagte er.
Nein, ich meine, was es bedeutet.
Sag ich doch, sagte er, Quisquilie heißt Kleinigkeit. Ach so, sagte sie, nein, das Wort kannte ich nicht. Anderes Beispiel, sagte er, was heißt: Imponderabilie? Eine Unwägbarkeit.
Richtig. Und was ist Konsekration?
Die liturgische Weihe einer Person oder Sache, sagte sie flüssig, oder die Wandlung von Brot und Wein beim Abendmahl.
Auch richtig, sagte er, aber jetzt was anderes. Von wem ist die Jungfrau von Orleans?
Von Schiller. Falsch, rief er, von Goethe! Unsinn, sagte sie, die Jungfrau ist von Schiller, wetten? Topp! er war ganz aufgeregt. Die Wette gilt! Worum geht's? Zwei Flaschen Schampus, sagte sie fest, Veuve Clicquot!
Dann schwiegen beide erschöpft. Sie hatten ihren Kaffee längst ausgetrunken.
Ich hätte jetzt gern ein Gläschen Cognac, sagte er etwas verzagt.
Na, dann bestellen wir doch flugs eins, sagte sie und winkte dem Kellner.
Bringen Sie uns doch bitte zwei Cognacs, sagte sie.
Sehr wohl, sagte er, aber das ist dann die letzte Bestellung, nicht wahr? Denken Sie daran, was Sie mir versprochen haben.
Ja ja, schon gut, ich werde schon nicht zu spät ins Bett gehen - und außerdem gehen meine Eltern heut ins Theater, da kommen sie nie so früh zurück.
Es ist doch nur zu Ihrem Besten, sagte der Kellner geduldig, aber streng, es ist doch nicht nur, damit Sie bei Ihren Eltern nicht auffallen. Aber dann ging er doch.
Die Fragen waren nicht sehr schwer, sagte sie, und außerdem waren sie keine-swegs geeignet, um wahre Bildung festzustellen.
Wie meinen Sie denn das? fragte er unsicher.
Nein, sagte sie ganz unsinnig, ich meine, es war halt so ein Lexikonwissen, eher etwas Automatisches. Was ich meinte, war eher die Zusammenschau der Dinge, das Hintergrundwissen, verstehen Sie?
Er zog aus seiner Brusttasche wieder eine einzelne Zigarette. Haben Sie wohl mal Feuer? fragte er.
Wieso rauchen Sie eigentlich? fragte sie. Das Feuerzeug haben Sie. In Ihrer rechten Hosentasche.
Er zündete seine Zigarette an und sagte unter den ersten Zügen: Ach wissen Sie, das ist eine lange Geschichte. Ich bin früher zur See gefahren -
Sie sind zur See gefahren, unterbrach sie ihn, ach, das ist ja wahnsinnig inter-essant, erzählen Sie mal.
Ihre Cognacs, sagte der Kellner; wieder hatten sie nicht bemerkt, wie er an ihren Tisch getreten war. Und er fügte verächtlich hinzu: Wenn dieser Herr da zur See gefahren ist, will ich auf der Stelle tot umfallen. Das ist doch die reine Renommiersucht. So, denkt er, könne er leicht bei Ihnen landen, was ja wohl auch stimmt, wenn ich mir Ihren Gesichtsausdruck wieder vor Augen führe, eben, als er sagte, er sei zur See gefahren.
Stimmt das? fragte sie ihn scharf. Sind Sie zur See gefahren oder nicht?
Bei meiner Seele, sagte er, wie kommt dieser Lump von einem Kellner dazu, mich so zu desavouieren?
Selber Lump, sagte der Kellner kühl, und Arschgesicht.
Bitte, sagte sie, meine Herren! Mäßigen Sie sich.
Aber es gibt doch wohl kaum etwas Unwürdigeres, als wenn sich jemand brüstet, er sei zur See gefahren, und es kommt nachher heraus, dass es überhaupt nicht stimmt.
Das ist wahr, sagte sie nachdenklich, unter diesem Gesichtspunkt möchte ich schon gern die Wahrheit erfahren.
Die sollen Sie haben, rief der Kellner furios, und, dem Mann am Tisch zuge-wandt: Mein Herr, wenn Sie je zur See gefahren sind, dann müssen Sie mir die folgende Frage spielend beantworten können
Hören Sie doch auf mit solchen Mätzchen, sagte dieser.
Mätzchen? Die Frau war sehr erstaunt.
Ja, Mätzchen, wiederholte er bitter; ich lass mich doch nicht von jedem Han-swurst verhören. Wir sind doch nicht in der Schule, aber woher!
Da haben Sie eigentlich recht, sagte sie leise.
Selber Hanswurst, sagte der Kellner seltsam gefasst, und Arschgesicht dazu. Und Sie gehören längst ins Bett! Der letzte Satz war wiederum an die Frau gerichtet.
Kann ich nicht etwas länger aufbleiben? fragte sie. Es ist doch Samstag, und da ist doch morgen keine Schule.
Na gut, sagte der Kellner, noch eine halbe Stunde. Aber dann: Huschhusch ins Körbchen.
Au fein, sagte sie und hob ihr Glas: Na dann, Prösterchen.
Ah, das kleine Seelentrösterchen, sagte er fidel. Und zum Kellner: Und du schleich dich, oder ich polier dir die Fresse, dumme Sau.
Beinah wimmerte der so Bedrohte: Hören Sie, wie er mich behandelt? Wie den letzten Dreck. Muss ich mir das gefallen lassen?
Es ist schon ein wenig hart, sagte sie, aber wenn Sie bedenken, dass Sie als Kellner im Servicebereich rein ansehensmässig so ziemlich auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Skala stehen, dann müssen Sie schon einiges ein-stecken.
Der Kellner schluchzte mit Tränen in den Augen. Der Mann am Tisch fixierte ihn böse: Bist du immer noch da, du Schleimscheißer?
Sie hätten, sagte die Frau sanft, studieren sollen wie ich und einen anständigen Beruf ergreifen. Dann wäre das alles nicht passiert. Dann könnten Sie jetzt hier sitzen und den Kellner beschimpfen. So einfach ist das.
Der Kellner schien noch etwas sagen zu wollen, doch machte er brüsk kehrt und entfernte sich laut weinend.
Das war aber wirklich das Letzte, was Sie sich da geleistet haben, sagte sie leis, aber bestimmt zu dem Mann am Tisch, ich habe Sie nur unterstützt, um Sie vor diesem Subjekt nicht bloßzustellen, aber eins sage ich Ihnen: Moralisch gesehen sind Sie in meinen Augen eine Pfeife.
Was hätte ich tun sollen, sagte er kühl, der hätte mich doch glatt gefragt, was der Unterschied zwischen einem Schoner und einer Bark ist, und da hätte ich bös ausgesehen.
Dann sind Sie also wirklich nicht zur See gefahren?
Das habe ich damit nicht gesagt, verwahrte er sich, das bedeutet nur, dass es in der christlichen Seefahrt noch viele unbeantwortete Fragen gibt.
Das stimmt vermutlich, sagte sie und wirkte sehr nachdenklich, man kann nicht alles wissen.
Dieser Cognac, sagte er und schmeckte nach, indem er schmatzend die Zunge ein paarmal vom Gaumen löste, dieser Cognac schmeckt, finden Sie nicht auch, ein wenig - seifig?
Warten Sie, ich nehm mal grad ein Schlückchen - mmh, ich würde sagen, eher - salzig.
Salzig? Sind Sie von Sinnen? Man muss doch den Geschmack von Salz und Seife auseinanderhalten können, sonst ist man doch als Gourmet gleich unten-durch.
Das ist allenfalls Weinbrand, versuchte sie abzulenken, billigster Verschnitt. Aber er ließ nicht locker: Das savoir vivre, verstehen Sie mich, ist nicht abhängig vom Geldbeutel oder von einem dicken Aktienpaket, das savoir vivre ist die Frage, wie man zu leben versteht. Ganz klar. Da kann man noch so viele Reichtümer hüten und anhäufen und jedes Jahr nach Marbella fahren, lernen (und er betonte dieses Wort gewichtig) wird man's nie. Man muss es - haben! Ha-ben!
Erregt erhob sie sich vom Stuhl und stand nun vor ihm: Hören Sie, fuhr sie ihn schneidig an, wenn Sie an mein Geld wollen, und davon geh ich doch einfach mal aus, dann sollten Sie sich einer anderen Sprache bedienen!
Aber, aber, meine Liebe, sagte er sanft und beschwichtigend, fassen Sie sich! Bewahren Sie doch Contenance - ich könnte sonst meinen, Sie seien ein eher un-beherrschter Charakter. Wäre Ihnen das recht? Na? Seien Sie ehrlich, wenigstens sich selbst gegenüber.

(Der dritte und letzte Teil folgt demnächst.)