Axel Marquardt lädt ein:



Lesen Sie aus dem soeben erschienenen Band


"Was bisher geschah. Alle Mach-, Lach- und Meisterwerke"

den fünten Teil des Protokolls einer Dichterlesung:


MEHL UND HÜHNERFUTTER


zuerst in "Die Welt ist ein weiß lackiertes Türblatt" von 1997.




Wieder füllte sich der Saal mit dankbarem, warmen Applaus, so dass der Dichter gar nicht anders konnte, als einzuschlagen: »Nun gut. Also 390. Wo sind die Bücher dieses Herrn -«
»Kirchhäuser«, half ihm Herr Knabbelkötter weiter. Er bückte sich, nahm seine Aktentasche auf und trug sie zum Podium. »Am besten ist es, Sie lesen zunächst etwas aus Herrn Kirchhäusers letztem Erzählungsband mit dem Titel 'Fährfahrten der Liebe'.«
Der Dichter war sichtlich angeekelt. »'Fährfahrten der Liebe'«, murmelte er, »allein schon der Titel. Haben Sie sich etwa auch schon für eine Geschichte entschieden?«
»Oh ja«, nickte Herr Knabbelkötter begeistert, »meine Lieblingsgeschichte ist `Der Landhändler'. Seite 72. Steckt ein Zettel drin.«
Der Dichter schlug das Buch an der bezeichneten Stelle auf. »'Der Landhändler'«, las er leise, »na, das wird schon was sein, wen interessiert denn das Leben eines Landhändlers?«
Herr Knabbelkötter hatte das wohl gehört, verzichtete aber in Anbetracht der kommenden Lesung seiner Lieblingsgeschichte auf eine entsprechende Replik. Der Dichter erhob nun seine Stimme.
»Meine Damen und Herren, ich lese Ihnen jetzt eine Geschichte eines gewissen (er schaute auf den Titel) Botho Kirchhäuser mit dem Titel 'Der Land-händler' vor. «
»Wollen Sie nicht wieder das Mikro einschalten?« fragte jemand.
»Ich lese nur meine eigenen Texte über Lautsprecher«, antwortete kalt der Dichter. »Nun denn: 'Der Landhändler'.«
Genau in dem Augenblick aber, wo er das erste Wort des Erzählung artikulieren will, fliegt die Saaltür auf, und ein Herr, angetan mit einem schwarzen Schlapphut, einer ebenso schwarzen weiten Pelerine und einem feuerroten Schal betritt mit raschen Schritten den Raum und eilt auf das Podium zu.
»Wie schön«, schreit er, »dass Sie auf mich gewartet haben!« Und Herr Dr. Wösler begrüßt den späten Gast mit einem fröhlichen: »Herr Kirchhäuser! Da sind Sie ja endlich!«
Jubel beim Publikum. Herr Kirchhäuser legt mit großartigen Schwung Hut, Pelerine und Schal ab, lässt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen, springt aber gleich darauf wieder hoch und tritt mit erhobenen Armen an die Rampe. »Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung,« ruft er den Leuten zu, »ein elender Stau hat mich in seinen Krallen gehalten!«
Und wie so häufig schon an diesem Abend fand Herr Dr. Wösler wieder die richtigen Worte: »Lieber Herr Kirchhäuser! Seien Sie uns herzlich willkommen! Wir hatten schon gedacht, wir müssten die Lesung ohne Sie abhalten. «
»Wo denken Sie hin?« rief da der Autor der »Fährfahrten der Liebe«, »Kirchhäuser kommt spät, aber er kommt. Wo ist mein Plätzchen?«
Herr Dr. Wösler wies ihm einen Stuhl am Tisch zu und Herr Kirchhäuser setzte sich. Er schnaufte ein paar Mal durch und kam dann etwas zur Ruhe. Erst da bemerkte er seinen Nachbarn.
»Das ist doch - Sie sind doch Herr Marquardt?« Doch bevor dieser antworten konnte, gab Herr Dr. Wösler eine kleine Regieanweisung: »Herr Marquardt, würden Sie bitte ein wenig zur Seite rücken? Geben Sie doch bitte das Mikrofon frei.«
Herr Kirchhäuser war überaus stolz auf sein Namensgedächtnis: »Herr Marquardt, wusst' ich's doch. Schön, dass Sie auch zu meiner Lesung gekommen sind. Ach, da haben Sie ja schon meine 'Fährfahrten der Liebe' in Händen. Geben Sie ruhig her. Sie kriegen's nachher wieder. Ich kann Ihnen ja später was reinschreiben.«
Mit einem energischen Handgriff schaltete er das Mikrophon ein. »Meine Damen und Herren. Es freut mich, dass es doch noch, wenn auch mit einiger Verspätung, geklappt hat, aber Sie wissen ja selbst, wie das so ist mit dem heutigen Straßenverkehr. Herr Dr. Wösler, wollen Sie noch ein paar Worte zur Einführung sprechen?«
Dieser erhob sich, sagte: »Ja - eh - gern«, suchte offensichtlich nach seinem Zettel, und als er den nicht fand, extemporierte er gekonnt: »Meine Damen und Herren, liebe Mitglieder der Annette von Droste-Hülshoff-Gesellschaft. Ich freue mich, dass es doch noch, wenn auch mit einiger Verspätung, geklappt hat und wir Herrn Kirchhäuser bei uns herzlich begrüßen dürfen.«
Warmer Applaus dankte dem Redner und begrüßte ein zweites Mal Herrn Kirchhäuser.
Das musste dann doch für Herrn Marquardt zuviel gewesen sein. Er sprang auf und rief: »Moooment mal!
Interessiert wandte sich Herr Kirchhäuser seinem Kollegen zu: »Herr Marquardt. Was gibt's?«
»Ich glaube, es gibt hier etwas, was Sie wissen sollten, Herr Kollege.«
»Na, dann raus mit der Sprache! «
»Sie sind hier, mit Verlaub, Herr Kollege, in der falschen Veranstaltung.«
Während im Volk einiges Murren entstand, schien Herr Kirchhäuser eher amüsiert: »Falsche Veranstaltung? Na, das wüsst' ich aber.«
»Nein, nein« insistierte Herr Marquardt, »heute Abend lese ich hier.«
Nun nahm Herr Kirchhäuser die Sache schon ernster. Er blickte ratlos auf den Geschäftsführer. »Herr Dr. Wösler? Können Sie mich mal darüber aufklären, was Herr Marquardt meint?«
»Herr Marquardt ist, so scheint's, in einem kleinen Irrtum befangen. Er glaubt, es ist seine Lesung heute Abend. «
Sofort war Herr Kirchhäuser wieder obenauf: »Ach, das ist ja putzig. Herr Marquardt. Das ist ja putzig. Sie wollen hier heute Abend lesen?«
»So ist es. Heute Abend lese ich hier. Ich habe eben einen mündlichen Vertrag über eine Lesung geschlossen. Kurz bevor Sie kamen.«
Diese bestimmt vorgetragenen Worte seines Kollegen machten Herrn Kirchhäuser wieder etwas misstrauischer, so dass er fragte: »Herr Dr. Wösler? Was ist dran an den Worten dieses Herrn?«
Man konnte Herrn Dr. Wösler ansehen, dass ihm nicht wohl zumute war. Er wand sich ein wenig und sagte schließlich: »Nun ja. In der Tat ist es so, dass kurz bevor Sie eintrafen, verspätet, wie ich anmerken will, also wir uns darauf geeinigt hatten, dass im Falle Ihres werten Nichterscheinens Herr Marquardt Ihren Platz einnehmen sollte.«
Erleichtert atmete Herr Kirchhäuser auf: »Na, dann ist ja alles wieder im Lot. Nun bin ich ja da und werde selbstverständlich meinen Vertrag erfüllen. «
»Aber, aber, Collega«, wandte Herr Marquardt ein, »einen Vertrag habe ich aber auch! «
Nun wurde es Herrn Kirchhäuser langsam zu viel. Mit klagender Stimme wandte er sich an den Geschäftsführer: »Herr Dr. Wösler! Ich bitte Sie, nunmehr diesem unwürdigen Schauspiel ein Ende zu bereiten, indem Sie Herrn Marquardt ein für alle Mal in seine Schranken verweisen! «
»Gewiss, gewiss, Ihr Anliegen scheint berechtigt, nur stellt sich der Fall, will ich meinen, etwas komplizierter dar. Genau betrachtet und unter dem Aspekt der Gerechtigkeit tendiere ich allerdings in diesem Augenblick dazu, beiden Herren -«
Da waren sich die zwei aber spontan einig. Fast unisono riefen sie: »Beide? Nie!« Herr Marquardt fügte noch »Entweder er oder ich!« hinzu, und Herr Kirchhäuser verlangte, dass hic et nunc eine Entscheidung fallen müsse.
In diese Phase der Rat- und Entschlusslosigkeit schien es wie ein kleines Wunder, dass sich Herr Knabbelkötter zur Geschäftsordnung meldete und einen Vorschlag unterbreitete, wie die verfahrene Situation gelöst werden könne. »Ich möchte daran erinnern«, führte er aus, »dass wir vor einigen Minuten schon einmal in einer ähnlichen Lage durch die Rückbesinnung auf die demokratische Traditionen unserer Gesellschaft ein Problem aus der Welt schaffen konnten. Ich beantrage also wiederum eine Abstimmung im Publikum: Für Mehl - gegen Hühnerfutter! «
Allgemeine Zustimmung, doch heftigster Protest von seiten Herrn Marquardts: »Das ist ja ungeheuerlich! Über Kunst lässt sich doch nicht abstimmen!«
Herr Kirchhäuser hingegen war begeistert: »Das ist, lieber Herr Knabbelkötter, eine treffliche Idee. Das Volk soll entscheiden!«
»Ich beantrage also«, sagte in feierlichem Ton Herr Knabbelkötter, »dass Herr Kirchhäuser heute Abend seine Lesung wie vorgesehen abhält. «
Herr Dr. Wösler schickte sich in das wohl Unvermeidliche: »Also gut«, sagte er, ans Publikum gewandt, »wer für diesen Antrag ist, gebe bitte das Handzeichen.« Alle Hände gingen nach oben. »Ich denke, auf die Gegenprobe können wir verzichten. Damit wären die Würfel gefallen und alle Zweifel ausgeräumt. Herr Marquardt, ich darf Sie nunmehr bitten, das Podium zu verlassen.«


(Forts. folgt)