Axel Marquardt lädt ein:

Sich jede Woche diesen oder jenen Fünfer reinzupfeifen!


Was ist ein Fünfer?


Für das fünfte Radioprogramm des Westdeutschen Rundfunks verfasste ich über Jahre Glossen, deren Inhalt irgendetwas mit der Zahl 5 zu tun hatte (WDR 5!). So entstanden im Laufe der Zeit Hunderte von 3-5-Minütern, die noch heute namentlich bei Lesungen für Kurzweil und standing ovations sorgen. Eine qualifizierte Auswahl der schönsten Fünfer erscheint hier in unregelmäßiger Folge.


Und heute, es ist Sonntag, der 7. Juni, erscheinen bereits der 30. bis 34.

Fünfer.



Der Fluch der Fünf

Ein Avertissement in fünf Teilen



Erster Teil

Wer oder was, wenn nicht der oder das Radio beziehungsweise der Rundfunk, liebe Hörerinnen und Hörer, und insbesondere unsere Fünfer-Serie, wäre besser geeignet geeignet, vor den Gefahren dieser unglückseligen Zahl zu warnen? Ja, Sie haben richtig gehört, zu warnen! Denn, glauben Sie mir, verehrte Hörerinnen und Hörer, und ich weiß, wovon ich spreche, auf der Fünf lastet ein unseliger Fluch, und dieser Fluch wird kommen über alle, die sich von ihr in den Bann zie-hen lassen, beziehungsweise über alle Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied!
Sie zweifeln? Sie glauben mir nicht? Wehe, sage ich, wehe all denen, die meinen Worten keinen Glauben schenken beziehungsweise sie sogar in den Wind schlagen! Niemand, der sich einmal in die Gewalt der Fünf begeben hat, ist je wieder zurückgekehrt in die Welt der übrigen natürlichen Zahlen, und niemand, der sich ihr hingab mit Leib und Seele, ist jemals wieder glücklich geworden.
Was, frage ich, um nur ein Beispiel zu geben, was ist mit dem gloriosen Auf-steiger in die 1. Bundesliga, dem Fußballclub FSV Mainz 05, los? Nach furiosem Saisonbeginn setzt’s eine Niederlage nach der anderen, und spätestens nach der 0:2-Heimschlappe gegen Wolfsburg am 28. Spieltag war man, wie Manni Breuckmann so richtig anmerkte, „mitten im Abstiegsstrudel“: Platz 13, nur drei Punkte von einem Abstiegsplatz entfernt.
Und den Amateuren geht’s nicht besser, krebsen in der Regionalliga Süd irgendwo am Tabellenende herum und werden gewiss absteigen, ab in die Oberliga, wo jetzt schon der 1. FC Schweinfurt 05 gelandet ist, aber dem geht es noch übler, hat er doch während der laufenden Saison Insolvenz anmelden müssen, was den automatischen Abstieg in die Bezirksliga bedeutet. Es ist kein Segen über der Fünf, ich sage es noch einmal. Niemals wäre es für den Verein so knüppeldick gekommen, wenn er die Fünf aus seinem Namen getilgt hätte. Während er nämlich einen Schicksalsschlag nach dem anderen einstecken muss, spielt der FC Schalke 04 munter um die Deutsche Meisterschaft mit, und, um ein anderes überzeugendes Gegenbeispiel zu liefern, hat der SC Paderborn gerade erst durch einen 2:0-Erfolg über die Amateure von Arminia Bielefeld die Tabellenspitze der Oberliga Nord übernommen und wird sich den Aufstieg in die 2. Bundesliga kaum noch nehmen lassen.
Und wie in der Welt des Fußballs, so geht es auch im Leben zu, aber davon ein andermal.



Zweiter Teil


Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich in dieser Sendung schon einmal dringlich vor den Gefahren gewarnt, die von der Fünf ausgehen. Ich hatte das am Schicksal der Fußballvereine Schweinfurt und Mainz fest gemacht, die beide die Zahl Fünf im Vereinsnamen führen, und denen es deshalb sehr dreckig geht; ich nenne nur die Stichworte Abstieg, Insolvenz, Bezirksliga und schlimmeres.
Auf diese meine ernst gemeinte Warnung hin meldeten sich zahlreiche Hörerinnen und Hörer, die meinen Worten keinen Glauben schenken wollten und den Wert meiner Beispiele anzweifelten. Nun denn, all denen, die eine Parallelität zwischen der Welt des Fußballs und des Alltags leugnen, soll eine neue Lehre zuteil werden, auf dass sich ihre Augen öffnen und sie die Fünf in all ihrer schrecklichen Wirklichkeit und Wirksamkeit erkennen! Begeben wir uns also auf ein Feld, dessen Beweiskraft nicht zu erschüttern ist, in den Bereich von Kunst und Kultur.
Welches Werk, frage ich, kommt uns ad hoc in den Sinn, wenn wir in den Kategorien der Fünf denken? Natürlich, die 5. Symphonie von Ludwig van Beethoven, nota bene die „Schicksalssymphonie“ genannt. Freilich wird sie von aller Welt als Meisterwerk gelobt, doch wer weiß schon, dass sie ihrem Schöpfer alles andere als Glück gebracht hat? Die Arbeit an ihr hatte ihn so erschöpft, dass er nur noch drei weitere Symphonien zustande brachte und die neunte schließlich unvollendet zurücklassen musste, bevor er stocktaub und elend in die Grube fuhr. Er, Beethoven, musste schon geahnt haben, dass da was schief lief, denn zunächst sollte die fünfte seine vierte werden, doch hatte er solche Mühe mit ihr, dass er seine Arbeit unterbrach und eine neue schrieb, die dann als vierte Symphonie in B-Dur in die Musikgeschichte einging. Hätte er doch nur seiner Ahnung vertraut...
Schlauer war da, um auf das Gebiet der Bildenden Künste zu wechseln, der famose Pablo Picasso, den kein geringerer als Robert Gernhardt treffend als das „Pik-Asso der Malerei“ titulierte: Er ließ sein fünftes Gemälde aus und ging vom vierten gleich auf das sechste, was zur Folge hatte, dass er der bedeutendste Maler des 20. Jahrhunderts wurde und hochbetagt und steinreich verstarb.
Wie anders hingegen das Schicksal des Malers Friedrich von Mackenthun, der über sein fünftes Gemälde, eine allegorische Darstellung der Ewigkeit, nie hinauskam! Jahr um Jahr setzte er Pinselstrich neben Pinselstrich, bis ihm im Jahre 1891 der Tod sein Werkzeug aus der Hand und ihn endlich in die Ewigkeit mitnahm. Von Picasso redet heute alle Welt - wer aber spricht heute noch von Friedrich von Mackenthun?
Daher: Schande über die Fünf! Wer wieder mal eine sieht, mache einen großen Bogen um sie, oder besser noch: er vernichte sie, dass sie nicht weiter ihren unheilvollen Einfluss ausübe.




Dritter Teil


Es ist unfassbar: Da warne ich vor unlängst in zwei stringenten Beiträgen auf diesem Sender vor den Gefahren der Fünf, und was soll ich sagen? Kaum einer nimmt diese meine mahnenden Worte ernst! Stattdessen werde ich überschüttet von Zusendungen, allesamt unverlangten, die mich vom Gegenteil überzeugen wollen, dass also die Fünf durchaus harmlos, ja sogar nützlich und segensreich sein soll.
Ja, haben denn die Schicksale des Fußballclubs 1. FC Schweinfurt 05 und des Komponisten Ludwig van Beethoven, die ich konzis dargelegt hatte, nicht genügend Beweiskraft, um die Fünf in den Augen der Menschheit ein für alle Mal zu diskreditieren?
Schreibt doch Herr Gunther Z. aus Nörvenich, er sei jetzt zum fünften Mal verheiratet und habe in seiner fünften Frau endlich die große Liebe gefunden! Herzlichen Glückwunsch, kann ich da nur sagen, herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe nur, dass es auch so bleibt, obwohl ich da erhebliche Zweifel hege, aber denken Sie, Herr Gunther Z., auch mal gelegentlich an das Leid, das Sie über ihre vier Verflossenen gebracht haben? Über die quälenden Auseinandersetzungen, die Kräche, Verwünschungen, Flüche und womöglich tätlichen Angriffe? Kommen Sie mir da nicht mit Ihrer fünften, das geht doch genau so in die Hose, wie die ersten vier, vermutlich noch schlimmer. So ist es um die Fünf bestellt!
Ich bin wahrlich keine Kassandra, aber wenn mir Frau Gertrud H. aus Siegen schreibt, die Fünf habe ihr in Gestalt der Zusatzzahl den Jackpot in Höhe von 7,1 Millionen Euro eingebracht, dann zucke ich sogleich zusammen und sehe ihren weiteren Lebensweg vor mir: Das bisschen Kohle ist schnell verjubelt, die vermeintlichen Freunde entlarven sich als üble Schmarotzer und wenden sich ab, schrittweise Depravierung bis zur Einlieferung in eine sinistre Betagten-Residenz, Alkoholsucht, Demenz - zack, aus. Und das, liebe Frau Gertrud H., das soll Glück sein? Das wüsst’ ich aber!
Und dann Lothar B. aus Herne. Gesunde Fünflinge, schreibt er, habe seine Frau zur Welt gebracht, und nun sei er der glücklichste Mensch der Welt. Ja, Herrgottszeiten, wo hat denn der Herr Lothar B. seine Siebensachen? Ja, weiß er denn gar nicht, was das bedeutet: Fünflinge?
Ich will überhaupt nicht schwarz malen, aber Fünflinge sind, mit Verlaub, so ziemlich das schlimmste, was einem passieren kann. Fünf hungrige Mäuler zu stopfen bedeutet, trotz Kindergeld und Erziehungsbeilhilfen, schuften rund um die Uhr, Tag für Tag, Jahr für Jahr, während die Frau bergeweise Wäsche wäscht und bügelt, putzt, einkauft, und alles mal fünf, Tag für Tag, Jahr für Jahr, und das alles unter dem Geschrei von fünf Bälgern, bis sie schließlich verhärmt und ausgezehrt das Weite sucht. Und wenn die fünf dann schließlich groß und aus dem Haus sind, bleibt ein vollkommen zerstörter Herr Lothar B. zurück und dämmert seinem Lebensende entgegen. Nein, nein, Herr B., in Ihrer Haut möchte ich wahrlich nicht stecken!
Ich bleibe dabei: Alles, was mit der Fünf zusammenhängt und in ihrem Namen geschieht, führt geradewegs ins Unglück. Sie ist und bleibt eine Bedrohung für die gesamte Menschheit und gehört ausgerottet. Sollte mir mal wieder eine in die Quere kommen, so gnade ihr Gott!




Vierter Teil



Ja, liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin es wieder, Ihr unentwegter und unermüdlicher Mahner vor der Fünf und ihren fatalen Auswirkungen, der Rufer in einer Wüste voller Ungläubiger freilich, denn noch immer ist die Fünf unter uns, trotz meiner warnenden Beispiele, die ich mehrere Male an selber Stelle an Sie richten durfte, und aller untrüglicher Menetekel wie fünf Millionen Arbeitslose, fünfprozentige Staatsverschuldung, Hartz V und so weiter und so fort.
Aber es gibt auch von Erfolgen zu berichten. Die Zahl der Fünfen-Gegner wächst, wenn auch noch geringfügig, so doch stetig, die ersten Anti-Fünfer-Clubs und -Vereine haben sich gegründet, und die Anzahl der Fünfen an der Gesamtzahl aller Zahlen ist deutlich gesunken. Insgesamt also eine Entwicklung, die man als erfreulich und ermutigend ansehen kann, und daher rufe ich Ihnen zu: Weiter so!
Dennoch ist weiter Wachsamkeit vonnöten, denn wie wir wissen, ist die Fünf eine durchaus listenreiche, ja verschlagene Zahl, die sich unter Umständen perfekt zu tarnen versteht, um dann in einem unbedachten Moment erbarmungslos zuzuschlagen. Oder sie zieht sich zurück, entfernt sich aus dem Auge des Betrachters, bis er meint, sie sei verschwunden, habe sich aufgelöst; doch dann, eines schönen Tages, taucht sie multipliziert wieder auf, als Fünfundzwanzig vielleicht oder gar als Hundert, und macht uns das Leben zur Hölle. Wer weiß, ob sich in den Zahlenkolonnen, die Sie gerade traumverloren auf einem Blatt Papier niederschreiben, nicht doch eine Fünf versteckt hält, obwohl Sie es niemals wollten. Wer weiß.
In der Tat ist sie ein schrecklicher Gegner, aber wenn wir alle zusammenstehn, brauchen wir sie nicht zu fürchten. Wir müssen nur wissen, wie wir sie bekämpfen können. Immer noch herrscht nämlich Unsicherheit über die Metho-den, wie man eine Fünf aus der Welt schafft.
Die unaufwändigste ist, sie einfach auszustreichen, mit einem einfachen Strich oder auch einem Kreuz; freilich bleibt sie dann noch erkennbar und kann immer noch Einfluss ausüben. Besser ist da schon das Überkleben, aber auch das gibt keine vollkommene Gewissheit über ihre Beseitigung; sollte sich eines Tages die Klebestelle lösen, taucht sie wieder auf, und infolge ihrer langen Erholungsphase vermutlich umso gestärkter und aggressiver. Meine bevorzugten Methoden sind daher das Ausschneiden und Verbrennen und das Abkratzen unter Zuhilfenahme von Federmesser oder Rasierklinge. Das vernichtet sie endgültig, und das ist ja schließlich das Ziel aller unserer Bemühungen.
Ein großes Problem und ein mächtiger Verbündeter der Fünf ist uns allerdings in den letzten Jahren in Gestalt des Computers erwachsen. Wie wir inzwischen wissen, leben auch gelöschte Fünfen in den elektronischen Tiefen dieses eigentlich hilfreichen Mediums weiter, irgendwo tief da drinnen auf unbekannten Ebenen, und wer weiß, ob sie sich dort nicht sammeln, vermehren und formieren zum alles entscheidenden Gegenschlag? Könnte der letzte Systemabsturz nicht schon ein Vorbote dieses großen Ausbruchs gewesen sein? Man mag sich nicht vorstellen, wie die Welt nach diesem Big Bang aussehen wird. Oder wird es nur ein Wimmern sein? Wir wissen es nicht. Wir wissen so wenig.



Fünfter Teil


Zum fünften Mal, verehrte Hörerinnen und Hörer, zum fünften Mal melde ich mich auf diesem Sendeplatz, um eindringlich vor den Gefahren zu warnen, die vom Gebrauch der Fünf und vom Umgang mit ihr ausgehen. Sie erinnern sich an meine These, die ich in verschiedener Form und mit zahlreichen Beispielen belegt habe: Alles, was mit der Fünf und -
- sagte ich: zum fünften Mal? Bin ich denn von allen guten Geistern entlassen, verlassen, das kann ja nicht Hut gehen, das host doch in die Musse gehen, das Böse wird enden, aber hallo, wie tomm ich hier nur wieder rauf, ich muff mich jetz nur einfach konferieren, konzertieren, korzentrieren, ja, kon-zen-trie-ren, dann wird’s schon gehn.
Wo war ich liegen geblieben? Sitzen, ich mein stehen. Aber ich sitz doch, ich leb doch nicht im Stehen. Im Stehen lieg ich nicht. Hei, wie die Puzzn zischen. Wie krühn der Tattan sprießt. Frau Inkrit henkt die Windn ausm Fenster raus. Juchhei! Es ist der Lallamant, der Diafragmentoter; ist eine Lust zu lusten im Kunterbuntermond. Pfund fährt in den Anzennenwald, der Palm verschüttelt Lan-zenrot, stadtauswärts peifen resche Hungen, die Atemnot, die Atemnot.
Die Atemnot! Dies aber sei euch Zeichen: Am fünften Spreiz, am Höllge-wasch, tiefab imTobel wird geklagt.
Gar furchtbar die Erleichterung.
Guten Sack, meine Samen und Spermen.