Ein Kapitel aus "Rosebrock" hier zu lesen, und zwar in der Hörspielfassung. Hubert Rosebrock, am Tag vor seinem 43. Geburtstag, in seiner Bank, denn er ist Persönlich haftender Gesellschafter der Kölner Privatbank Klampe und Sinn. Es ist gegen 17 Uhr.
Rosebrock drehte sich mit seinem Sessel um und blickte durchs Fenster. Er konnte vom vierten Stock aus die Rheinuferstraße nicht sehen; er hörte nur ihren Lärm, der von ihr aufstieg. Dahinter war der Fluss mit seinen langen, tiefliegenden Schuten; die talwärts fahrenden glitten rasch voran, während die bergwärts fahrenden fast zu stehen schienen. Weiter rechts überspannte die Autobahnbrücke den grauen Fluss; zwei endlose Würmer von Wagen krochen von einem Ufer aufs andere. Am anderen Ufer sah er Häuser, kleine Kirchen, Fabriken; ein Güterzug, modellbahngroß, schlich entlang, alles war in einen milden Dunst getaucht, von dem er nicht wusste, ob es ein leichter Nebel war oder der übliche Smog.
Rosebrock: Füllest wieder Busch und Tal -
Ja, mit was? Er hatte vergessen, mit was da Busch und Tal gefüllet war. Er war sich nicht einmal sicher, wer da Busch und Tal füllte; vermutlich der Mond, also vielleicht Mondschein. Mondenschein? Das einzige Gedicht, an das er sich von seiner Schulzeit her erinnern konnte, das einzige Gedicht überhaupt, das ihm gefallen hatte, konnte er nicht mehr aufsagen.
Rosebrock: Lösest endlich auch einmal meine Seele ganz.
Telefon.
Sekretärin: Ein Herr Doktor Lefzig möchte Sie sprechen, Herr Direktor. Soll ich durchstellen?
Rosebrock: Lefzig? Nie gehört. Ja, bitte.- Bankhaus Klampe und Sinn, Rosebrock.
Lefzig: Ja, Rosebrock, alter Schwede! Hier ist Lefzig!
Rosebrock: Tut mir leid, Herr Dr. Lefzig. Helfen Sie mir mal auf die Sprünge.
Lefzig: Das ist unser guter alter Rosebrock. Keine Ahnung von nichts. Lefzig, Bergisches Gymnasium, Gummersbach, genannt die Qualle. Na, dämmert’s?
Rosebrock: Ach, Qualle, wo steckst du denn?
Lefzig: Immer noch in Gummersbach. Es war ja nicht leicht, dich aufzutreiben, aber mit diesen schicken Adressen-CDs hab ich’s doch noch geschafft. Du warst der letzte auf der Liste, deshalb ist die Zeit etwas knapp geworden.
Rosebrock: Knapp? Wofür? Und welche Liste?
Lefzig: Na für die Abiturfeier. Wir haben vor einem Vierteljahrhundert Abitur gemacht, sag bloß, du hast nicht da dran gedacht, das ist doch wirklich Grund genug, sich mal wieder zusammenzusetzen. Die Feier ist aber schon übermorgen. Wir wollen uns um 19 Uhr im „Bergischen Hof“ treffen, mit dir sind wir dann sechzehn, dann essen wir was Feines, und dann wird gefeiert, hoch die Tassen!, du verstehst. Kannst du dich so schnell freimachen? Ich kann dir ja im „Brgischen Hof“ ein Zimmer reservieren. Einzelzimmer, ohne Damen, du verstehst?
Rosebrock: Ich glaube, das kann ich einrichten. Reservieren brauchst du nicht, das lasse ich selber erledgen.
Lefzig: Das ist ja spitzenmäßig! Dann sind wir sechzehn, nur Hellmann und Carlo haben abgesagt, und Wally kommt auch, der ist schon einundsiebzig, aber noch verdammt rüstig. Ich freu mich sehr. Wie geht’s dir denn?
Rosebrock: Oh danke, recht gut. Und dir?
Lefzig: Spitzenmäßig! Also dann bis Samstag.
Rosebrock: Ja, bis übermorgen.
Hubert Rosebrock fährt auch tatsächlich hin, warum, weiß er selber nicht. Vierzehn Tage später weiß er es: Er hat 43 Jahre im falschen Leben gelebt.