Zur Lektüre des Eingangs meines neuen Romans, der bisher noch keinen gültigen Titel hat. Er beginnt in einer westfälischen Kleinstadt im Frühjahr 1968; sein Protagonist ist der Student Alexander Frommholtz, für dessen Nachnamen ich mich noch nicht verbürgen will.
Zunächst schenkte niemand dem Geräusch Aufmerksamkeit. Es war noch zu fern, um beachtet werden zu müssen.
Doch es kam näher und näher und wurde lauter und lauter. Die ersten Gäste im Garten des Bauunternehmers Theo Körkemeyer schauten irritiert in den Nachthimmel, denn es war ungewöhnlich, dass zu dieser späten Stunde ein Hubschrauber unterwegs war. Noch ungewöhnlicher war es, dass er seinen Flug über dem Grundstück verlangsamte und schließlich zum Stillstand kam. Es war ein Knattern, Donnern und Pfeifen in der Luft, die Rotoren schaufelten in rasenden Wirbeln Sturm in Äste und Zweige der Rotbuche und unter die ängstlich und atemlos nach oben starrenden Gäste, von denen die ersten bereits ins Haus flohen, Gläser und Flaschen wurden fortgefegt und zerschellten auf dem Waschbeton des Plattenrondells, ein Schwarm von Servietten wurde in die Büsche gefetzt, Staub und Sand der Beete und Wege wurden aufgetrieben, und dann fuhr der Wind in die große Schüssel des Grills und entfachte die Glut, dass die Flammen lodernd um den halben, noch bleichen Ochsen leckten, der gleichmütig auf seinem Drehspieß weiter rotierte. Und plötzlich erscholl aus den Lautsprecherboxen, die an verschiedenen Stellen des Anwesens aufgestellt waren, der Triumphmarsch aus Aida, so laut und dröhnend, dass er beinahe das Getöse übertönte, das von dem Helikopter ausging.
Der Scheinwerfer, der bislang Bäume und Gebüsch abgetastet hatte, wurde ruckartig auf die freie Rasenfläche neben dem Pool geschwenkt, und nun sahen die verbliebenen Gäste, dass ein großer Gegenstand, so groß wie ein Auto, an einem Seil herabgesenkt wurde, und je näher er dem Lichtkegel kam, desto deutlicher wurde es: Es war ein Auto, ein blitzblanker schwarzer oder dunkelblauer NSU Prinz, den ein Kenner sofort als einen 1000 TT identifizierte, umwickelt mit einer gold-rot schimmernden Schärpe, deren beide Enden zu einer riesigen Schleife gebunden waren, und als es aufsetzte, wussten alle, was diese Gabe des Himmel bedeutete. Sie war das Geschenk des Bauunternehmers Theo Körkemeyer für seine liebe Frau, denn zur Feier ihres 50. Geburtstags hatten sie sich hier versammelt.
Kaum war das Seil ausgeklinkt, stieg der Helikopter steil ins Dunkel, machte eine Art Verbeugung, indem er mit der Nase nach unten nickte und den Heckrotor nach oben wippen ließ, und schoss dann in einer großzügigen Kurve nach Nordwesten davon. Der Triumphmarsch erstarb so überraschend, wie er eingesetzt hatte.
Den Lärm übernahmen nun die Gäste mit donnerndem Applaus, mit Johlen und Bravo-Rufen. Theo Körkemeyer erschien mit einer Gartenschere in der Terrassentür und schritt durch das Spalier der Gratulanten auf seine Frau zu, die eher schüchtern und verlegen als glücklich und erwartungsvoll neben dem Wagen stand. Er drückte ihr das Gerät in die Hand und forderte sie mit launigen Worten auf, das Band zu durchschneiden und eine erste, die „Jungfernfahrt“ durch den Garten zu unternehmen. Sie zierte sich ein wenig, tat dann aber, auch auf Drängen der Gäste hin, was er ihr gesagt hatte, und stieg ins Auto.
Der Motor sprang an, es ruckelte, der Wagen tat einen Satz, schoss drei vier Meter nach vorn und wurde durch den Jasmin-strauch eingefangen. Sanft rieselte der Blütenschnee herab und hüllte das Dach des dunklen Prinzen in zartes Weiß.
Entzücken bei den Gästen, gedämpfter Unmut bei Theo Körkemeyer. Er bog die Zweige des Strauchs beiseite und vergewisserte sich, dass kein größerer Schaden entstanden war als die kleinen Schrammen im Lack. Seine Frau entstieg dem Wagen unter Beifall, zog es aber vor, sich einstweilen zurück-zuziehen. Theo Körkemeyer zwängte sich hinters Steuer, löste den Wagen rückwärts aus dem Gesträuch, beschrieb einen eleganten Bogen über den Rasen und blieb dann unvermittelt stehen.
„Jetzt hat er gemerkt, dass er nicht rauskommt“, sagte eine Stimme neben Alexanders Ohr. „Die Gartenpforte ist zu eng, und einen anderen Zugang gibt es nicht.“
Alexander wandte sich dem Sprecher zu. Die meisten Gäste kannte er, diesen nicht. Er grinste so vergnügt, dass seine Speckbäckchen die Schweinsäuglein fast verschwinden ließen. „Morgen muss er ein großes Loch in seine schöne Mauer reißen lassen, damit Fine wieder aus dem Garten kann.“